Familienbanden Talk

Familienleben...so viel Liebe, Hoffnung, Lachen, Geborgenheit. Aber eben auch Sorgen, Unsicherheit und Stress. Beide Auflistungen könnte man endlos weiterführen. Als Mama von drei Kindern und auch durch meine Rolle als Kursleiterin rücken immer wieder mal Themen in meinen Fokus, über die ich schon oft nachgedacht habe. Manchmal sind es auch Themen über die ich bisher nicht nachgedacht habe. Oder zu wenig? 
Und da ist es wieder, das schlechte Gewissen. Habe ich alles richtig gemacht? Was habe ich bei meinem ersten Kind noch anders gemacht? Was hätte ich besser machen können? Oder war es vielleicht doch auch irgendwie gut es anders zu machen. 
Ich erlebe meine Töchter und mich immer wieder als eine Einheit. Wir gehören zusammen und ich bin glücklich darüber, dass auch meine beiden großen Mädels so empfinden. 
Ich liebe es Mama zu sein und wahrscheinlich ist es auch genau richtig, vieles aus dem Bauch heraus zu entscheiden. 
An dieser Stelle werde ich euch immer wieder mal teilhaben lassen an meinen Gedanken. 
Viel Spaß beim Lesen!

Grenzen wahren

Heute ist der 2.2.2023 und der Februar startet...sagen wir mal turbulent. Zumindest der gestrige Tag nahm ein dramatisches Ende. 

Nach fast 23 Jahren Mama Dasein dachte ich eigentlich, ich hätte schon fast alles erlebt. Jetzt aber die ganze Geschichte:

Es ist 19 Uhr, höchste Zeit für Abendbrot. Eigentlich schon etwas spät, aber das kränkelnde Kind wird morgen nicht in die Schule gehen, da es eben kränkelt. 
Mara bastelt mit einer Ausdauer, die ich immer wieder bewundere in ihrem Zimmer Geschenktüten. Wenn es einen Markt für Kinderbasteleien gäbe, wäre ich vermutlich bereits äußerst vermögend. Schade eigentlich...
Ich höre einen Schrei und sie kommt weinend in die Küche gerannt. "Da ist ein Haar an meiner Zunge!" Häh? 
Ja, an der Zunge. Nicht auf der Zunge. Es hängt vorne an der Zungenspitze fest, als wäre es aus der Zunge herausgewachsen. Das andere Ende hängt noch fest in der Haarwurzel am Kopf. 
Wie bitte kann so etwas passieren? Haar im Hals, Haar um Babyzeh, Haar in der Suppe. Alles schon gehört oder gesehen. Aber Haar um eine dieser kleinen Geschmacksknospen gewickelt? Verrückt!
Es muss wirklich sehr schmerzhaft gewesen sein. Zwischen Schluchzen und Kreischen konnte ich dann heraushören, dass das Haar im Mund war und um die Zunge gewickelt wurde. Kennt jeder Mensch mit langen Haaren - hoffe ich. Dabei hat es sich wohl, wie auch immer, an der Zungenspitze verknotet. 
Also erst trösten und beruhigen, dann nach einer Lösung suchen. Und hoffen, dass nicht gleich die Polizei klingelt, um zu schauen ob es sich hier um ein Gewaltverbrechen handelt. 

Was wir probiert haben? Am Haar ziehen, tut extrem weh. Mit einem Eiswürfel betäuben, brennt. Mit einem Löffel gegenhalten und ziehen, den Mund ausspülen, mit einem Zahnseide Stick und Kokosöl drüber rubbeln, mit einer Pinzette den Knoten Lösen, keine Chance. 
Mara weint und ich versuche sie zu trösten.
 
Da ploppt er in meinem Kopf auf, der Gedanke einfach feste zu ziehen. Wie bei einem Pflaster, das man schnell abreißt. Kind kurz ablenken, ziehen und danach trösten. 
Ich bringe es nicht übers Herz. 
Grenzen wahren, das ist mir wichtig. Ich erinnere mich an etwas, was meine Mutter mir mal erzählt hat: 
Sie hat als Kind eine Warze an ihrem Finger entdeckt und ihrer Mama gezeigt. Diese sagte dann, dass sei nicht so schlimm, nahm eine Schere und hat sie einfach abgeschnitten. 
Ich fand das furchtbar. Sie wahrscheinlich auch, sonst hätte sie es bestimmt vergessen. 

Vielleicht wäre es auch der einfachste Weg gewesen, das Haar schnell abzurupfen.
Nein! 
Ich frage Mara, ob das okay für sie wäre. Sie hat Angst. Ich bestärke sie es selbst zu versuchen. Sie nimmt allen Mut zusammen, mich an der Hand und ihren Kuschelwolf in den Arm und...es funktioniert nicht. 

Wie wir es dann gelöst haben? 
Ich habe meine zweite Tochter angerufen, die gerade ein zahnendes Kind zu Hause hat. Sie kam dann mit Zahnungsgel zur Hilfe. Nach etwas Ablenkung (mit der großen Schwester weiter basteln) und dem Gel auf der Zunge hat sich die Situation dann entspannt. Es tat nicht mehr so weh und sie hat mir weiter vertraut. So durfte ich es erneut mit der Pinzette versuchen und es hat sich endlich gelöst. 

Wir waren beide sehr glücklich darüber, dass es auf eine so entspannte Art ohne Pflaster-Abreiß-Schmerz geklappt hat. 
Nach dem 2,5 Stunden Drama haben wir uns dann zusammen ins Bett gekuschelt und haben dem Hagel zugehört, der laut auf das Dach prasselte. Mit dem guten Gefühl in schwierigen Situationen füreinander da zu sein und dem Wissen,  dass Grenzen wahren Vertrauen schafft.